Jede Woche stelle ich hier (ab Mitte März 09) ein Buch vor. Alle Autoren haben ein gemeinsames Thema. Sie machen sich - jeder auf seine Weise - Gedanken über die Zukunft. In diesem Blog werden die nach subjektiven Kriterien ausgewählten Monographien vorgestellt und in einen größeren Zusammenhang eingeordnet. zweitwissen will neugierig machen und zum Lesen eines kompletten Buches anregen, anstatt sich nur Informationshäppchen im Netz "anzulesen".

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Motto: "Umwege erhöhen die Ortskenntnisse"

Sonntag, 26. April 2009

Scheidung vom Zeitgeist


Gewicht: 250 Gramm; Maße: 210 x 145 x 15 mm

Der Ruf nach genauen Prognosen durch die Wissenschaft, die möglichst viel „Planungssicherheit“ verschaffen, ist unter der Bedingung erhöhter Umfeldturbulenzen heute lauter denn je. Trotz aller Forderungen besteht die Aufgabe der Wissenschaften – vor allem der Sozialwissenschaften – nicht im Wegdefinieren von Unsicherheit, sondern allenfalls in der Quantifizierung von Unsicherheitsbandbreiten. 

Die Beiträge des Sammelbandes „Gegenwärtige Zukünfte“ kreisen um die zentrale Erkenntnis, dass sich sozialwissenschaftliche Zukunftsforschung radikal von Trendforschung unterscheidet. Zwischen den kleinräumigen explorativ-interpretativen Fallstudien der qualitativen Sozialforschung und den "unweigerlich großflächigen und nicht selten grobschlächtigen Gegenwarts- und Zukunftsbildern", die von der Trendforschung produziert werden, so die beiden Herausgeber, besteht eine gewisse Kluft.

Und dies hat mit dem Selbstverständnis der Soziologen zu tun: Aus sozialwissenschaftlicher Perspektive besteht der Sinn von Prognosen nicht darin, zu erklären, was ist, sondern zu verstehen, was wir tun. Nur wer verstehen will, kann eine Vorstellung davon entwickeln, was etwas Bestimmtes bedeutet oder bedeuten könnte. Daraus folgt für Hitzler & Pfadenhauer, dass sozialwissenschaftliche Prognostik, "unsere gesellschaftlichen Wirklichkeitskonstruktionen zu re-konstruieren hat, um das uns je Mögliche zu konstruieren." Oder mit Jo Reichertz gesprochen: Sozialwissenschaftliche Zeit- und Gesellschaftdiagnosen - das ist der Versuch aus schwachen Spuren starke Thesen zu entwickeln.

Soziologen liefern also (im je besten Fall) "unterscheidungsunterstützende Informationen" in der Form (qualitativer) Ethnografien der Gegenwart. Und das ist ein wenig mehr, als die Arbeit von Trendscouts, die entweder die "Diffusionsträchtigkeit" oder das "Outhipping-Potenzial" sozialer Phänomene zu erkennen trachten. In unserer Zeit geht es immer mehr darum, in Denkfabriken kontrollierte und säkulare Visionen herzustellen, deren Verwirklichung nicht mehr von einer transzendenten Agency abhängen, sondern allein von der Handlungsbereitschaft der betroffenen sozialen Akteure. Ganz anders sieht Zukunftsdeutung im Alltag aus.

Dort sind wir alle – wie Hubert Knoblauch & Bernd Schnettler in einem zentralen Beitrag dieses Bandes zeigen, Zukunftsforschende. Unser eigenes Leben ist voll von Akten praktischer Utopie und vorauseilender Imagination. Man könnte durchaus von einer Zielbestimmungs- und Steuerungsfunktion dieser phantasierten Vorentwürfe sprechen, die integraler Bestandteil unseres Alltags sind. Dauernd beschäftigen wir uns mit dem Horizont offener Möglichkeiten – nichts anderes ist Zukunft aus sozial-phänomenologischer Sicht.

Die Palette der Beispiele in diesem Sammelband ist breit. Sie reicht von der eben skizzierten Zukunftsdeutung im Alltag, über eine sozialwissenschaftliche Betrachtung von Managementtheorien (Liebl), die Diagnostik der Wiederholungsgefahr von Straftätern (Feltes), der Diagnosefähigkeit von Ärzten (mit sehr instruktiven Dialogen) (Vogd), dem Verhältnis von Forschen und Wetten (Behrend), einer wunderbaren Darstellung verschiedener Prognosemethoden am Beispiel des Problems, eines Erstkontaktes mit Außerirdischen (Schetsche), bis zur Kritik an den Methoden der Trendforscher (Pfadenhauer) und der Beschreibung von Möglichkeitsräumen der Existenz am Übergang in eine andere Moderne (Hitzler).

Aufgrund dieses großen Spektrums lernt der Leser auch, was gute Soziologie ausmacht: Der Verzicht auf große Würfe. „Wer die ‚Schau’ wünscht, gehe ins Lichtspiel“ – so schon der Gründervater der Soziologie, Max Weber. „Wer von der Soziologie Visionen erwarte, der gehe ins Kino“, eine Abwandlung des Zitats in Ehren vom französischen Großmeister Pierre Bourdieu. Soziologie ist, wie es der Konstanzer Soziologe Hans-Georg Soeffner formuliert hat, "primär rückwärtgewandte Prophetie - die Rekonstruktion der gesellschaftlichen Konstruktionen und Konstruktionsbedingungen von Wirklichkeit" Gute Soziologe hält sich aus dem Geschäft mit den Hypes heraus. Ansonsten besteht die Gefahr, vor der ebenfalls Soeffner gewarnt hat: „Wer den Zeitgeist heiratet, ist schnell verwitwet.“

Beitrag zur Zukunft der Menschheit: Ein tiefgreifendes Verständnis über die sozialen Konstruktionsbedingungen von Zukunftsvorstellungen.

Ronald Hitzler & Michaela Pfadenhauer (Hrsg.): Gegenwärtige Zukünfte. Interpretative Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Diagnose und Prognose. 2005. Vs-Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden. ISBN 3-531-14582-7. Inhaltsangabe zum Buch hier


 


Sonntag, 19. April 2009

Ich nenne es Hype

Gewicht: 480 Gramm; Maße: 210 x 135 x 30 mm

Was haben Furtwangen, Berlin und New York gemeinsam? Nichts? Doch! Es handelt sich jedes Mal um Aufenthaltsorte der "Digitalen Bohème", einer neuen gesellschaftlichen Klasse. Zumindest, wenn man Holm Friebe und Sascha Lobo glaubt. 

Man könnte die Geschichte wie ein Märchen erzählen: Es war einmal ein kleine Gruppe von Menschen, die hatten nicht viel außer ihrem Grips und ihrer Kreativität. Oscar Wilde war zwar keiner von Ihnen, könnte aber der Ideengeber für das Motto der klassischen Bohème in Paris oder London gewesen sein. Als er nach Amerika einreiste, gab er am Zoll bekannt: "I have nothing to declare, but my genious". Diese genialen Menschen trafen sich in Cafés und versuchten Arbeit, Kunst und Leben zu einem Konzept zu verbinden. Leider gelang dies nur wenigen, aber wir schätzen heute ihre Bilder und Bücher. Diese Menschen und ihre alternative, unabhängige Lebensform haben die Kultur des Westens stark geprägt, obwohl fast alle nicht so lebten wie sie: Die meisten Menschen aber blieben Konformisten, immer auf der Suche nach Absicherung und guten Zinsen für ihr Sparbuch. Die Bohème aber träumte von mehr: "Es geht (...) darum, nicht nur so zu leben, wie man will, sondern so zu arbeiten, wie man leben will, und dabei keine Kompromisse einzugehen und keinen Aufschub zu dulden."

In dem inzwischen recht bekannten Buch von Friebe und Lobo wird der lange Weg von der klassischen Bohème zur digitalen Bohème nachgezeichnet. Die neue Bohème ist (wie die alte) meist in Großstädten beheimatet, die Chefredakteurin des Berliner Stadtmagazin Zitty mit dem echten (!?) Namen Mercedes Bunz hat diese Gruppe einmal "Urbane Penner" genannt. Eine Ausnahme ist sicher Furtwangen. Es sind die IT- und Webspezialisten, die vernetzt an Projekten arbeiten, deren Leben selbst ein einziges Projekt, ein ständiges Ringen um Aufmerksamkeit im Netz (Twitter, Blogs) ist und die sich mühsam aber überzeugt durch ihr festanstellungsloses Leben schlagen.

Man könnte die Geschichte aber auch anders erzählen: Es ist die postapokalytische (Grace Jones) Version einer Auferstehung aus der Krise. Seit den 1980er Jahren gehen in der Industriegesellschaft die Jobs verloren, Menschen werden aus einst sicheren und lebenslangen Arbeitsverhältnisse "frei gesetzt". Das erinnert an Jean Paul Sartres existenzphilosophischen Ansatz, so wie er in seinem Hauptwerk "Das Sein und das Nichts" auf den Punkt gebracht wird: "Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt". Das Problem ist nur, dass die meisten mit dieser Freiheit nicht umgehen können. Trotzdem sucht die digitale Bohème nach genau dieser Freiheit. Jeremy Rifkin hat schon 1995 in seinem bekanntesten Buch "Das Ende der Arbeit" beschrieben, was mittlerweile immer deutlicher auf uns zukommt: Zunehmende Automatisierung, Rationalisierung und Digitalisierung ersetzt menschliche Arbeitskraft. Die Menschen werden "überflüssig" oder "ausgeschlossen", wie der Soziologe Heinz Bude es immer wieder betont. Rifkin sah an neue Elite am Horizont auftauchen, die "Symbolanalytiker". Diesen Begriff borgte es sich von Robert B. Reich aus, einen Politikprofessor, der auch mal Außenminister unter Bill Clinton war. 

Symbolanalytiker sind Menschen, die mit Codes (Software, Texte, Bilder) umgehen können. In Furtwangen werden hauptsächlich genau diese Symbolanalytiker ausgebildet. Diese Codes werden für die moderne Gesellschaft immer zentraler, weil es immer weniger darum geht, Produkte herzustellen, sondern Ideen zu vermarkten. Genau diese Mechanismen der Vermarktung intelligenter Softwarelösungen oder kreativer Webseiten beschreiben Friebe und Lob aus ihrer eigenen (Berliner) Praxis. Sie dröseln dazu einige Gesellschaftsdiagnosen auf und beschäftigen sich dann sehr ausführlich und erfahrungsreich mit den verschiedenen Komponenten der digitalen Ökonomie, der digitalen Kultur und des digitalen Lebens. 

Wie die alte Bohème versuchen auch sie das alles zusammen zu bringen. Und dabei Realisten zu bleiben: Die "schweifende Form der Existenzsicherung", die die Angehörigen der digitalen Bohème versinnbildlichen, ist für sie eine Art Beta-Version der immer schon prekären Lebenslagen der meisten (kreativen) Menschen. Projekthaftes Leben verspricht zwar Unabhängigkeit und Autonomie, hat aber auch Nachteile: Kontingenz und Entscheidungsdruck, Eigenverantwortung und Selbstmotivation sind nicht jedem/jeder angeboren. Das "Leben im Konjunktiv Futur" (so der Titel eines Kapitels) ist eben auch anstrengend. Aber wir haben ja die Wahl.

Beitrag zur Zukunft der Menschheit: Buch und Webseite zeigen, dass man sich auch mit viel Aufwand irren kann. Die meisten Menschen sehnen sich (damals wie heute) nicht nach Autonomie, sondern nach Orientierung.

Holm Friebe & Sascha Lobo: Wir nennen es Arbeit. Die digitale Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung. 2007 (5. Auflage). Heyne: München. ISBN 978-3-453-12092-1 

Montag, 6. April 2009

Flipper, das Internet und ich

Gewicht: 540 Gramm; Maße: 210 x 135 x 30 mm

Einer der aktuellsten Versuche, sich optimistisch mit der Zukunft der Mediengesellschaft auseinander zu setzen, ist das Buch des Journalisten und Blogform-Gründers Michael Maier. Schon das Titelbild macht deutlich, worum es geht: Die linke Seite des abgebildeten Gehirns sieht so aus, wie man es erwartet, lauter Gehirnwindungen. Die rechte Seite ist abstrahiert und gleicht einem elektronischen Schaltkreis. Die Botschaft ist klar: Menschliches Gehirn und elektronisches Gehirn konvergieren. Sie tun dies, so Maier, zu nichts Geringerem als zur Rettung der Welt.

Ausgangspunkt der Zukunftsstudie von Maier sind eher düstere Gedanken. Maier sieht die Gattung Mensch im apokalyptischen Zeitalter durch zunehmende Komplexität der Problemstellungen bedroht. Um die Welt ist esschlecht bestellt: Sogar der Dalai Lama habe aufgegeben, denn die Probleme des 21. Jahrhunderts sind nicht mehr mit den Methoden des 20. Jahrhunderts zu lösen. Lösungen müssen zukünftig komplett anders erarbeitet werden. In der digitalen Industrie und ihren Vertretern (also auch bei sich selbst) sieht Maier die Helden von Morgen. Ein „postapokalyptisches Zeitalter“ (Grace Jones) braucht radikal neue Lösungsmethoden. Im Internet erkennt Maier die Möglichkeit zur Rettung. In den Menschen, die mailen, klicken und bloggen (also uns allen) sieht er die Retter der Welt: „Sie tun gemeinsam etwas zutiefst Sinnvolles“. In den beschleunigten Kommunikationsritualen des Netzes erkennt er einen Ausdruck existentieller Eile: „Wir kommunizieren um unser Leben“.

Wer alle seine Hoffnung in das Internet setzt, kann den kulturpessimistischen Klagen der „alten Elite“ nicht zustimmen. Den Vorwürfen einer zunehmenden Verdummung durch das Internet stellt Maier seine Utopie einer kollektiven Verbesserung der Welt durch die gemeinsame Nutzung des Netzes gegenüber. Es geht, so Maier, nicht um Degeneration sondern um „eine grandiose, kollektive Anstrengung“. Doch worin besteht diese Anstrengung und worin mündet sie?

Den Hauptnutzen des Internets sieht er in den „kollektiven Denkerfolgen“, wobei der dem Internet eine „Superhirnfunktion“ zuschreibt: „Das Internet verändert unser Gehirn. Und zwar nachhaltiger als alles, was wir bisher im Bereich von Kommunikation und Information erlebt haben. Intellektuelle Panikattaken zucken durch eine Welt, in der nichts mehr ist, wie es einmal war. (...)  Der Computer ist Teil von uns geworden“. Dies ist soweit noch nichts Neues, sondern nur eine schöne Umschreibung dessen, was man sonst trockener unter Mediatisierung und der Ubiquität neuer Medien versteht. Wie aber kann man nun mit dem „Superhirn“ Internet die Apokalyspe verhindern?

In der Internetgeneration erkennt Maier die Angehörigen einer neuen Klasse, die er ganz unbescheiden die „Helden von Morgen“ nennt. Die Digitale Bohème, wie sie an anderer Stelle genannt wird, unterscheidet sich aber von den „Helden von Gestern“, Typ Gandhi. Es geht nicht um Charisma, sondern um die Fähigkeit zur Vernetzung. Es gibt also nicht einen, sondern viele Helden. Prinzipiell unendlich viele – womit dann auch ein Paradoxon auftritt: Wenn alle Helden und/oder Elite sind, ist unklar, wie man sich dann noch (von anderen) unterscheidet. Jedenfalls haben diese Helden neue Eigenschaften: „Diese Helden erkennen wir nicht daran, dass sie besonders aus der Masse herausragen. Ihre Stärke liegt in ihrer Fähigkeit, sich in die Köpfe der anderen hineinzuversetzen. Das wichtigste Merkmal der Elite von morgen ist ihre Fähigkeit zur Integration“. Die Zukunftsform des Heldentums kommt also ohne Individualismus aus. Kollektivismus wird wieder gesellschaftsfähig.

Und das war angeblich schon von Anfang an so gedacht. Die Tatsache, dass das Internet nicht als exklusives militärisches Gerät endete, schreibt Maier einer „kollektiven Intuition“ zu, „einem Instinkt, der zum Begreifen führte, welches gewaltige Potenzial in der weltweiten Vernetzung besteht“. Um dies zu belegen, zitiert er eine (bei näherem Hinsehen) sehr ambivalente Aussage von Tim Berners-Lee, der bei der Geburtsstunde des Internets dabei war: „Die Leute, die das Internet und das Web gebaut haben, haben die größte Wertschätzung für das Individuum (...) Wenn alle Individuen den Willen dazu haben, dann können wir kollektiv eine Welt bauen, die wir haben wollen“. Wertschätzung für das Individuum und Integration durch kollektive Vernetzung – wie geht das zusammen?

In jedem Fall aber will Maier erkennen, dass die Vernetzung menschlicher Köpfe zum großen Superhirn bereits jetzt Form annimmt. Er vergleicht das Internet mit dem Echolotsystem, mit dem Delfine kommunizieren. Bei seinem Vergleich stützt er sich (leider) nur auf eine einzige Quelle, ein Buch der Entwicklungspsychologin Katharina Zimmer (Doktor Delfin. Wie Tiere heilen helfen, 2004). Dieses Buch ist nur ein Beispiel von vielen „Wunder-Büchern“, die den Einsatz von Delfinen in therapeutischen Kontexten beschreiben. Was ist nun das Besondere an Delfinen und warum kann man das Internet mit deren Kommunikation vergleichen?

Delfine stehen ständig miteinander im Kontakt. Man kann von einer „unheimlich raschen Wahrnehmungsintegration“ sprechen – so die Delfinforscherin Zimmer – die sich aus dem Zusammenspiel von Nah- und Fernsinnen der Delfine ergibt. In dieser Form von „Biofeedback“ kann man (wenn man möchte) eine neue Form der Intelligenz sehen (Übrigens ein sehr schönes Beispiel für einen sog. sozialen Zuschreibungsprozess: Intelligenz ist – aus wissenssoziologischer Perspektive – das, was wir für intelligent halten. Intelligenz ist also keine Eigenschaft, sondern das Resultat einer Übereinkunft). 

Maier plädiert dafür, dass Menschen es den Delfinen gleich machen und ein ausgeprägtes „Wir-Bewusstsein“ entwickeln sollten. Ähnlichkeiten gibt es durchaus: So wie Delfine direkt kommunizieren, können wir im Netz ohne Vermittler und Gate-Keeper kommunizieren. Kommunikation wird, so Maier, dadurch „unverfälscht“ und „direkt“, die Voraussetzungen für Wahrnehmungsintegration scheint gegeben: „Das Internet muss das perfekte menschliche Echolotsystem werden. (...) Ohne Zwischenhändler tauschen wir Informationen aus. (...) Oben und unten sind weniger wichtig als eine maximale horizontale Vernetzung. Jede Rückkopplung beeinflusst das eigene Denken. (...) Die Gemeinschaft honoriert jeden Beitrag, der der Spezies hilft. (...) Osmotisch saugen wir auf, und oszillierend geben wir weiter“. 

Es ist allerdings stark zu bezweifeln, ob schon durch diese sperrefreie horizontale Vernetzung auch qualitativ bessere Beiträge entstehen. Wenn Denken zu einem osmotischen und ozilllierenden Gemeinschaftsprozess wird, in dem konstruktive Beiträge belohnt werden, die für alle relevant sind, ist dies auch der Pferdefuß! Es sind eben nicht immer die mehrheitsfähigen Denkleistungen, die die Menschheit weitergebracht haben. Vielleicht ist das Resultat weniger die Rettung der Welt als deren mediokre Nivellierung? Vielleicht ist es sinnvoller, autonomes Denken zu schulen, anstatt einen „elektronischen Tastsinn“ und eine „kollektive Präsenz“ zu entwickeln?

Beitrag zur Zukunft der Menschheit: Der schönste Satz im Buch lautet: „Adam und Eva brauchten kein Handy“. Das Buch macht deutlich, dass die Komplexität der Ordnungsprinzipien einer Gesellschaft mit den Ansprüchen ihrer Mitglieder anwächst. Damit wächst auch die Komplexität von Deutungsangeboten. Das Gegenmodell nennt sich übrigens Esoterik.

Michael Maier: Die ersten Tage der Zukunft. Wie wir mit dem Internet unser Denken verändern und die Welt retten können. 2008. Pendo Verlag: München. ISBN 978-3-86612-171-3

Sonntag, 22. März 2009

Tiefflug unter dem Radar


Maße: 230 x 150 x 30 mm; Gewicht; 450 Gramm

Schon der Philosoph Seneca warnte vor Zeiten, in denen sich die Nachfahren wundern, dass die Vorfahren "so Offenbares nicht gewusst haben". Damit unserer Generation genau das nicht passiert, gibt es Zukunftsforschung - mit vielfältigen Methoden. Was auf den Schirm des "Zukunftsradars" zu sehen ist, erklärt Pero Micic. Wie man die Signale auf dem Schirm interpretiert, bleibt dem Leser selbst überlassen.

Zukunft ist kein Ziel, wie viele leider immer noch meinen, sondern ein Prozess. Nicht alle Menschen sind mit der notwendigen Sensibilität ausgestattet, diesen permanent im Hintergrund verlaufenden Prozess zu erkennen und richtig einzuschätzen. Dies erklärt auch die hohe Anzahl von Fehlentscheidungen in Bereichen wie Wirtschaft, Politik oder Kultur. 

Willam Gibson, der (von mir öfter mal zitierte) Cyberpunk-Autor hat das, was Soziologen ein wenig umständlich "Gegenwärtige Zukünfte" nennen, sehr schön auf den Punkt gebracht: "Die Zukunft ist schon da, nur noch nicht gleichmäßig verteilt". Für die gegenwärtigen Zukünfte sind wir meist blind. Wir überbewerten den Akt des Aufbruchs, das radikal Neue, ohne zu merken, dass sich die wesentlichen Änderungen nicht in Revolutionen, sondern in homöopathischen Dosen ereignen. Die Zukunft, ist nicht immer das Neue, aber immer das Andere.

Wenn Zukunft sich aber schon in der Gegenwart "verteilt", dann liegt in unserer technologiegläubigen Welt nichts näher, als die Einrichtung flächendeckender Messstationen, die die Verteilung der Zukunft auf einem Radarschirm (so wie die Verteilung des Flugverkehrs auf Flugfläche 100) zu erfassen. Fertig ist das Zukunftsradar - ein Begriff, der vorgibt, eine Methode zu sein, obwohl es in Wirklichkeit nur um das geschickte Marketing von Gefühlen zwischen Unsicherheit und Gestaltungswille geht.

Mit seinem Zukunftsradar möchte sich der Autor deutlich von den sonst im Überfluss vorhandenen Trendreports, Prognosen oder Szenarien abgrenzen, die seiner Meinung nach nur Verwirrung stiften. Alleine wegen seiner nachvollziehbaren Kritik am Markt der Zukunftsdeutungen und den Methoden der Zukunftsdeuter, die oft genug in der Tradition der Auguren und Orakel stehen, ist das Buch lesenswert. Der Zukunftsforschung stellt er - durchaus nicht uneigennützig (er ist Vorstand der FutureManagementGroup AG) - das Konzept des Zukunftsmanagements gegenüber, die Aufgabe der Strukturierung des vorhandenen Wissens und das Freilegen von Gestaltungsoptionen, die auf dieses Wissen aufbauen. Daher richtet sich sein Buch primär auch an die Vertreter der Wirtschaft, die schon jetzt Zukunftsthemen identifizieren (müssen). Dem Autor wird dabei leider der Widerspruch seiner eigenen Argumentation nicht bewusst, dass die als offen dargestellte Zukunftsschau des Radars letztlich dann doch nur zu Planungssicherheit in Märkten reduziert wird. 

Sein Ziel ist es, einen seriösen Überblick darüber zu geben, wie die Zukunft sich gerade schon verteilt. Das Radar bei Micic funktioniert daher so: 1. Zusammenstellung - Man nehme 100 aktuelle Zukunftsbücher und Zukunftsstudien und verschaffe sich zuerst einmal einen Überblick. Welche Aussagen werden dort getroffen? Wie beurteilen die Autoren für ihr jeweiliges Themenfeld die Zukunft? 2. Struktur - Die Zukunftsthemen werden in Cluster zusammengefasst, die auch das Buch strukturieren: Biossphärische, technologische, politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunftsfaktoren. 3. Die "Radarfunktion" ergibt sich letztlich daraus, dass man durch fünf verschiedene Brillen auf die Zukunftsthemen sehen kann, die für je eine spezifische Zielrichtung stehen. Diese Methode ähnelt übrigens auffallend unkreativ der Methode der sechs "Denkhüte", die im vielen Büchern zur Ideenfindung und Kreativität angepriesen wird. Diese wiederum geht auf den legendären Walt Disney (Erfinder der Mickey Mouse und von Donald Duck) zurück, der sich bei seiner Ideenfindungsmethode sogar drei verschiedene Zimmer leisten konnte, die die verschiedenen Denkrichtungen repräsentierten.

Micic versammelt in diesem Sinne eine große Vielfalt an Zukunftsfaktoren aus den o.g. Bereichen. Richtig viel Neues findet sich nicht darunter, aber das behauptet der Autor ja auch nicht. Das Buch bietet dafür etwas, wofür sich andere Autoren von Büchern über die Zukunft zu schade sind. Getreu des Mottos von Odo Marquardt, einem deutschen Philosophen, der den Sinnspruch "Zukunft braucht Herkunft" geprägt hat, versucht Micic 5.000 Jahre Philosophie und Theorie des Wandels in einem "praktischen Schnellkurs" zu vermitteln. Immerhin 30 Seiten Raum nimmt er sich für diesen epochalen Überblick! Dieser ist aber so gut strukturiert, dass man ihn ohne Bedenken empfehlen kann. Dem Leser wird klar, dass sich Wandel schon immer in Form, Richtung, Mechanismus und (gesellschaftlicher) Bewertung unterschied und heute noch unterscheidet. Dies ist dann auch der eigentlich Mehrwert des Buches. Es zeigt, dass Zukunft immer auch von den je herrschenden Vorstellungen über (sozialen, technischen etc.) Wandel anhängt. Die Vergangenheit, so zeigt es die makrohistorische Perspektive, ist nichts anderes als ein kollektiver Wertespeicher. 

Dies bedeutet nichts anderes, als dass es keine neutrale Zukunft geben kann, sondern immer nur normativ gerahmte, institutionell verankerte, nach Interessen bewertete Zukünfte. Je nach Meinung und Interesse kann eine Neuerung als Fortschritt, als Niedergang oder als Entwicklung daherkommen. Wir alle sind an diesen Einschätzungen alltäglich beteiligt, d.h. wir "produzieren" unablässig Zukunft. Vielleicht sollten wir uns dabei machmal ein wenig mehr Mühe geben.

Beitrag für die Zukunft der Menschheit: 1. Die Erkenntnis, dass wir nicht auf das Neue warten müssen, weil es auf allen Ebenen bereits Alltag ist. 2. Die Erkenntnis, dass Zukunft (von uns allen) gemacht werden kann.

Pero Micic: Das Zukunftsradar. Die wichtigsten Trends, Technologien und Themen für die Zukunft, 2006, 2. Auflage. Gabal Verlag, Offenbach.

Dienstag, 17. März 2009

Existentielle Funklöcher statt Kommunikationsfallen

Gewicht: 366 Gramm, Maße: 210 x 155 mm x 20 mm

Müssen Sie immer ein Gespräch annehmen, nur weil Ihr Telefon oder Handy klingelt? Sind Sie jemand, der ständig nachschaut, ob er eine neue Mail bekommen hat oder jemand, der zwanghaft auf eine SMS antwortet. Wenn Sie wissen möchten, was selbst angebautes Biogemüse, der Ausschalter ihres Fernsehapparats und der Verzicht auf E-Mails miteinander zu tun haben, dann sollten sie weiterlesen ...


Obwohl es so scheint, als ob wir alle Opfer der allgemeinen Beschleunigung, der "Informationsbombe" (Paul Virilio) und zahlreicher Kommunikationsfallen sind, gibt es sie noch, die ganz einfachen EXIT-Möglichkeiten. Manche nennen sie schlicht Entschleunigung, so wie die Vertreter der sog. Slow-Food-Bewegung, denen es darauf ankommt, "zu wissen, was man isst". Es gibt sogar langsame Städte, die sich mit ähnlicher Zielsetzung zur Citta-Slow-Bewegung zusammengeschlossen haben und denen es darum geht, das Leben in Städten wieder lebenswerter zu machen (Furtwangen gehört - noch nicht - dazu).

Ähnliche Zielsetzungen verfolgt Miriam Meckel, die Autorin des Buches "Das Glück der Unereichbarkeit". Der Professorin für 'Corporate Communication' (Universität St. Gallen) geht es darum, zu zeigen, wie das Leben lebenswerter werden kann, wenn man weiß, wie man (richtig) kommuniziert. Um es vorweg zu sagen: Der Großteil des Buches ist für medienaffine Menschen eher langweilig - das Zielpublikum sind wohl eher Leute, die es aufregend finden, wenn sie eine Software das erste Mal selbst installieren und danach alles funktioniert. Die Autorin ist auch nicht gerade bescheiden, um nicht zusagen: eine Zicke. Ständig erwähnt sie, wie wichtig sie selbst ist, wer alles etwas von ihr will und wie oft sie im Monat nach New York jettet. Die Idee zum Buch hatte sie, weil sie einfach so viel kommunizieren muss, ach! Das ganze Buch wirkt so, als hätte der Verlag gesagt: "Ok, kommunikative Unerreichbarkeit, das ist eine gute Idee. Dummerweise fehlen jetzt noch 180 Seiten, damit daraus ein Buch wird. Schreiben Sie ein bisschen was über diese Online-Sachen. Sie wissen schon."

Und das hat sie dann auch getan. Vergessen wir einfach, was Miriam Meckel uns über "Liebeskommunikation in der Netzwelt" erklären möchte (wir haben es schon vor ihr probiert, aber richtig!). Lassen wir uns nicht einschüchtern, von Kapiteltiteln wie "Das vibrierende Ich: Nackt im Netz ohne die Grenzen des Privaten" (wir wissen, was wir tun!). Übersehen wir galant das Kapitel "Digitale Zeitdiebe und Hausbesetzter: Wie Technik unser Leben bestimmt (der Titel wirkt wie aus einer Apotheken-Zeitschrift). Empfehlenswert sind dennoch die Einleitung "Wir Simultanten: Immer erreichbar, im Standby", sowie das erste Kapitel "In der Kommunikationsfalle: Datenflut und Denkebbe".

Meckel arbeitet in diesen beiden zentralen Kapitel heraus, was man auch aus soziologischer Perspektive die Ambivalenz der modernen Existenz nennen könnte. Wir wollen dazugehören, vernetzt sein, beachtet werden usf. Aber immer mehr Menschen möchten die damit verbundene "Pflicht zur Kommunikation" nicht einlösen. Wir sind kommunikative Zierfische und gleichzeitig normative Drückeberger.

Worin besteht nun die Kommunikationsfalle? Das erste (eher soziologische) Problem dabei ist, dass technische Vernetzung noch lange keine soziale Anbindung nach sich zieht. Es ist so ganz anders, als es einmal Howard Rheingold in seinem Klassiker "Virtual Community" beschrieben hat. Er dachte es sich so: Man arbeitet vernetzt, kennt sich aber und hilft sich im RL, dort, wo es nötig sein sollte. Heute ist es so: Man hat "Follower" und "Kontakte", aber noch lange keine Freunde. 

Das zweite Problem ist eher psychologischer oder spiritueller Natur: Wer dauernd kommuniziert, am besten mit allen gleichzeitig, der hört niemandem mehr richtig zu. Was die meisten vergessen: Es gilt auch die Umkehrung der Aussage: Niemand hört uns mehr (richtig) zu. Schon lange beobachte ich, dass die wenigsten Menschen noch dazu in der Lage sind, sich mehr als drei Sätze zu konzentrieren und aufmerksam zuzuhören. Von der Unhöflichkeit, gleichzeitig ein Telefonat auf dem Festnetz und eines auf dem Mobiltelefon zu führen, ganz zu schweigen...

Meckel will die digitalen Kommunikationsmedien deshalb aber nicht gleich abschaffen. Aber sie sucht nach Tipps, in einer "richtigen" und "sozial verträglichen" Art und Weise mit ihnen umzugehen. In der Fachwelt nennt man das Kommunikationsökologie. Dazu gehören bewusste Kommunikationspausen, die autonom das eigene Leben strukturieren und uns Zeit für Wichtiges geben: "Wir müssen technisch ausschalten, um gedanklich abschalten zu können". Abschalten vom Stress, vom Rat-Race, von den Intrigen des Alltags. Abschalten von den vielen To-Do's, den Checklisten und Mindmaps die unser Hirn martern. 

Ich will die vielen Tipps nicht vorwegnehmen, die Meckel in ihrem Buch entwickelt, aber auf ihre Philosophie hinweisen: "Jeder braucht heute von Zeit zu Zeit sein individuelles existentielles Funkloch. Das sorgt nicht nur für eine Steigerung der Lebensqualität, es ist überlebenswichtig".

Der "homo connectus" ist nicht verloren. Er kann aus der Datenfalle entkommen. Dafür gibt Meckel einige (erwartbare) Hinweise und praktische Tipps. Woran es diesem Buch mangelt, ist eine Erklärung darüber, wie man solche neuen Gewohnheiten (der kommunikativen Unerreichbarkeit) für sich selbst entwickelt (denn der Mensch ist ein Gewohnheitstier - neue Routinen aufzubauen ist die Hölle) und wie man als Gesellschaft zu neuen Kommunikationspflichten und -erwartungen gelangt. Denn es nützt wenig, wenn man als Einzelperson den Kommunikationsstöpsel zieht und dafür - früher oder später - von anderen bestraft wird, weil man der herrschenden Norm nicht entspricht. Der neuen Gewohnheit zu Unereichbarkeit müsste also ein neues Recht auf Unerreichbarkeit gegenüber stehen. Darüber, wie dieses Recht herstellbar ist, sagt die Autorin leider nichts.

Das Buch ist letztlich weniger eine kommunikationssoziologische Studie, sondern eines der weit verbreiteten Lebensratgeberbücher, die ich persönlich so sehr "liebe". Nicht weil ich sie bräuchte oder weil ich deren Inhalt gut finde. Sondern einfach deshalb, weil diese "Tue XYZ und du wirst sooo glücklich-Bücher" ein wunderbarer Ausdruck unserer kulturellen Ratlosigkeit sind. Immer mehr Menschen suchen Antworten auf Fragen, die früher jeder für sich selbst beantworten konnte. Beispiel:  Vor ein paar Tagen sah ich ein Kochbuch für Babybrei. Babybrei mit allerlei Geschmacksvarianten. Ich rief meine Mutter an, und fragte, ob es zu der Zeit, als ich ein Baby war, Kochbücher für Babybrei gab. Natürlich gab es keine. Meine  Mutter wusste einfach, wie man Babybrei zubereitete. Oder sie lebte in einem kommunikativen Umfeld, das über diese Informationen verfügte und diese weitergab (wahrscheinlich waren meine Großmütter dieses kommunikative Umfeld). 

Früher wusste man, das man ab und zu seine Ruhe braucht. Und man wusste, wie man es anstellt, in Ruhe gelassen zu werden. Heute ist es möglich, über ein und denselben Sachverhalt einen Bestseller zu schreiben. 

Beitrag zur Zukunft der Menschheit: Das Buch erhöht die Chance, dass wir nicht doch alle verrückt werden und im Informationsmüll versinken.

Miriam Meckel: Das Glück der Unerreichbarkeit. Wege aus der Kommunikationsfalle. 2007 (3. Auflage). Murmann Verlag, Hamburg, ISBN 978-3-86774-002-9

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